Krank sein oder sich nicht gut fühlen?
Es gibt einen feinen, aber wichtigen Unterschied zwischen „krank sein“ und „sich nicht gut fühlen“. Manchmal fühlen sie sich ähnlich an. Aber sie wollen etwas völlig Verschiedenes von uns.
Und wer beide verwechselt, tut leicht das Falsche — mit den besten Absichten.
Krank sein
Manchmal ist Krankheit eindeutig. Fieber, Schüttelfrost, ein Infekt — der Körper glüht und führt sichtbar einen Kampf. Etwas ist eingedrungen, oder etwas ist gekippt, und das System arbeitet mit voller Kraft daran, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
In solchen Momenten ist es klüger, nicht zu üben. Kein Qi Gong, keine Meditation, kein Nach-innen-Fühlen — auch kein sanftes.
Denn der Körper weiß gerade sehr genau, was er tut. Unsere Aufgabe ist nicht, ihm zu helfen — sondern ihm zu vertrauen. Ruhen. Wärme. Schlaf. Raum geben.
Bei meinen Lehrern Adam und Damo habe ich außerdem gelernt: Wer sich mitten in einer akuten Erkrankung stark nach innen wendet, kann sie tiefer ziehen — hinein statt hinaus. Ob man das nun so sieht oder nicht — die Richtung stimmt: Eine akute Krankheit will nicht bearbeitet, sondern ausgeruht werden. Manchmal ist das Nicht-Tun die eigentliche Praxis.
Auch in mir lebt dieser Sog. Gerade wenn ich krank bin, will etwas üben, will etwas tun. Und vielleicht ist genau das Loslassen die schwerste — und ehrlichste — Übung.
Tiere ruhen, wenn der Körper es braucht — ohne zu fragen, ohne zu kämpfen.
Sich nicht gut fühlen
Das Unwohlsein ist etwas anderes. Oft gibt es dafür noch keinen klaren Namen. Und doch stimmt etwas nicht.
Manchmal ist es leise: eine Schwere, die bleibt, eine Müdigkeit, die der Schlaf nicht wegnimmt, eine Leere, die man in einem Teil des Körpers spürt, das Gefühl, ein wenig neben sich zu stehen. Manchmal meldet es sich auch laut — ein pochender Kopf, eine dumpfe Unruhe, eine Erschöpfung, die den ganzen Körper füllt.
Oft ist das kein akuter Krankheitskampf, sondern ein Ungleichgewicht — ein Vorzeichen vielleicht, oder die Folge von zu viel über zu lange Zeit. Und wenn es mild und vertraut ist, kann Übung guttun. Meist ganz sanft: bewusstes Atmen, ruhige Bewegung, ein wenig Qi Gong als Zuwendung. So kann sich das System wieder ordnen, noch bevor sich etwas verfestigt. Und spürst du dabei, dass der Körper klarer und stabiler wird, darfst du dich vorsichtig weiterbewegen.
Manchmal braucht es sogar das Gegenteil: kräftiges, forderndes Üben, das eine Trägheit durchbricht und etwas, das schon länger feststeckt, wieder in Bewegung bringt. Doch das gehört in einen Körper, der es tragen kann — nicht zu pochendem Kopf, nicht zu tiefer Erschöpfung. Dort ist Kraft nicht der Weg.
Manchmal aber die allerleichteste Zuwendung. Einen pochenden Kopf habe ich schon leichter werden lassen, indem ich ganz sacht die Aufmerksamkeit ans Brustbein legte und den vorderen Kanal (Ren Mai) ein wenig öffnete — federleicht, nicht in tiefer Versenkung. Denn manchmal gibt einer Feder nach, was jedem Druck widersteht. Und was neu, heftig oder unbekannt ist, lässt du trotzdem abklären.
Das leise, vertraute Unwohlsein ist keine Störung. Es ist eine Einladung.
Wenn du dir nicht sicher bist
Und dann gibt es die ehrliche Stelle, an der die schöne Zweiteilung ins Wanken gerät: Man kann die beiden nicht immer auseinanderhalten. Müdigkeit, Erschöpfung, ein schwerer Kopf — sie können eine harmlose Belastung sein oder der leise Anfang von etwas. Der Körper sagt es uns nicht immer eindeutig.
Deshalb ist die Lautstärke kein verlässlicher Kompass. Ein Unwohlsein kann laut sein, eine Krankheit kann still beginnen. Und die Übung ist kein Werkzeug, um herauszufinden, was los ist — sie kann die Frage nicht zuverlässig beantworten und manche Zeichen sogar überdecken.
Wenn du dir unsicher bist, wähle den sanfteren Weg. Ist es klar und akut, ruhe. Ist es mild und vertraut, taste dich vorsichtig heran und schau, wie der Körper antwortet. Und ist es neu, stark oder fremd, dann ist die Matte nicht der richtige Ort — dann lass es ärztlich abklären.
Manche Zeichen dulden ohnehin kein Abwarten. Wenn der Atem schwer wird oder die Brust eng, wenn ein Kopfschmerz dich überfällt, wie du ihn nicht kennst, wenn dein Denken sich trübt, der Nacken steif wird oder es dir rasch schlechter geht — dann gehört deine Aufmerksamkeit nicht nach innen, sondern zu ärztlicher Hilfe.
Üben heißt auch: fühlen lernen
Vielleicht ist das der wertvollste Teil der Praxis. Nicht die Übung selbst — sondern die Sensibilität, die sie schenkt.
Mit der Zeit spürst du feiner. Du merkst früher, wann etwas kippt. Und du merkst auch, wann dein Körper keine Übung braucht, sondern Ruhe — oder einen Arzt. Zwischen Tun, vorsichtigem Erproben und Ruhen zu unterscheiden, ist selbst schon ein Stück Weisheit.
Es geht nicht um eine Formel, sondern ums Hinhören.
Und noch etwas zum Schluss: Das ist mein heutiges Verständnis dieser Dinge — nicht mehr. Ich erkunde es gerade selbst, tastend, von Tag zu Tag. Vielleicht sehe ich manches morgen schon anders. Nimm es darum nicht als Regel, sondern als einen ehrlichen Zwischenstand von jemandem, der auch noch unterwegs ist.

