Krank sein oder sich nicht gut fühlen?
Krank sein und sich nicht gut fühlen können sich zum Verwechseln ähnlich anfühlen — und doch wollen sie oft etwas Verschiedenes von uns. Das Schwierige daran: Ich kann die beiden nicht immer auseinanderhalten, und mein Körper sagt es mir nicht immer eindeutig.
Deshalb ist das hier keine Regel, sondern mein Umgang mit dieser Unsicherheit: wann ich übe, wann ich ruhe und wann ich lieber abklären lasse.
Krank sein
Manchmal ist Krankheit eindeutig. Fieber, Schüttelfrost, ein Infekt — der Körper glüht und führt sichtbar einen Kampf. Etwas ist eingedrungen, oder etwas ist gekippt, und das System arbeitet mit voller Kraft daran, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
In solchen Momenten übe ich nicht. Kein Qi Gong, keine Meditation, kein Nach-innen-Fühlen — auch kein sanftes.
Meine Aufgabe ist dann nicht, noch einen Prozess anzustoßen, sondern zu ruhen: Wärme, Schlaf und Zeit. Was da gerade abläuft, braucht keine zusätzliche Übung von mir.
Auch in mir lebt dieser Sog. Gerade wenn ich krank bin, will etwas üben, will etwas tun. Und vielleicht ist genau das Loslassen die schwerste — und ehrlichste — Übung.
Tiere ruhen, wenn der Körper es braucht — ohne zu fragen, ohne zu kämpfen.
Sich nicht gut fühlen
Das Unwohlsein ist etwas anderes. Oft gibt es dafür noch keinen klaren Namen. Und doch stimmt etwas nicht.
Manchmal ist es leise: eine Schwere, die bleibt, eine Müdigkeit, die der Schlaf nicht wegnimmt, eine Leere, die man in einem Teil des Körpers spürt, das Gefühl, ein wenig neben sich zu stehen. Manchmal meldet es sich auch laut — ein pochender Kopf, eine dumpfe Unruhe, eine Erschöpfung, die den ganzen Körper füllt.
Oft ist das kein akuter Krankheitskampf, sondern ein Ungleichgewicht — ein Vorzeichen vielleicht, oder die Folge von zu viel über zu lange Zeit. Und wenn es mild und vertraut ist, kann Übung guttun. Meist ganz sanft: bewusstes Atmen, ruhige Bewegung, ein wenig Qi Gong als Zuwendung. So kann sich das System wieder ordnen, noch bevor sich etwas verfestigt. Und spürst du dabei, dass der Körper klarer und stabiler wird, darfst du dich vorsichtig weiterbewegen. Nur: Die Antwort des Körpers kommt nicht immer sofort. Manchmal zeigt sich erst am nächsten Tag, ob etwas zu viel war — bei anhaltender Erschöpfung, etwa bei ME/CFS, oft erst Stunden oder Tage später. Deshalb in kleinen Schritten, und die Reaktion des nächsten Tages zählt mit.
Manchmal braucht es sogar das Gegenteil: kräftiges, forderndes Üben, das eine Trägheit durchbricht und etwas, das schon länger feststeckt, wieder in Bewegung bringt. Doch das gehört in einen Körper, der es tragen kann — nicht zu pochendem Kopf, nicht zu tiefer Erschöpfung. Dort ist Kraft nicht der Weg.
Manchmal aber die allerleichteste Zuwendung.
Das leise, vertraute Unwohlsein ist keine Störung. Es ist eine Einladung.
Wenn du dir nicht sicher bist
Und hier zeigt sich, warum die Zweiteilung nur eine Orientierung ist und keine Regel: Man kann die beiden nicht immer auseinanderhalten. Müdigkeit, Erschöpfung, ein schwerer Kopf — sie können eine harmlose Belastung sein oder der leise Anfang von etwas. Der Körper sagt es uns nicht immer eindeutig.
Deshalb ist die Lautstärke kein verlässlicher Kompass. Ein Unwohlsein kann laut sein, eine Krankheit kann still beginnen. Und die Übung ist kein Werkzeug, um herauszufinden, was los ist — sie kann die Frage nicht zuverlässig beantworten und manche Zeichen sogar überdecken.
Wenn du dir unsicher bist, wähle den sanfteren Weg. Ist es klar und akut, ruhe. Ist es mild und vertraut, taste dich vorsichtig heran und schau, wie der Körper antwortet. Und ist es neu, stark oder fremd, dann ist die Matte nicht der richtige Ort — dann lass es ärztlich abklären.
Üben heißt auch: fühlen lernen
Vielleicht ist das der wertvollste Teil der Praxis. Nicht die Übung selbst — sondern die Sensibilität, die sie schenkt.
Mit der Zeit spürst du feiner. Du merkst früher, wann etwas kippt. Und du merkst auch, wann dein Körper keine Übung braucht, sondern Ruhe — oder einen Arzt. Zwischen Tun, vorsichtigem Erproben und Ruhen zu unterscheiden, ist selbst schon ein Stück Weisheit.
Es geht nicht um eine Formel, sondern ums Hinhören.
Und noch etwas zum Schluss: Das ist mein heutiges Verständnis dieser Dinge — nicht mehr. Ich erkunde es gerade selbst, tastend, von Tag zu Tag. Vielleicht sehe ich manches morgen schon anders. Nimm es darum nicht als Regel, sondern als einen ehrlichen Zwischenstand von jemandem, der auch noch unterwegs ist.

