Unser innerer Beobachter

Unser innerer Beobachter

In diesem Artikel möchte ich dir etwas über unser Bewusstsein erzählen.

Es ist nichts Persönliches von mir, sondern eine jahrtausendealte Lehre aus dem Advaita Vedanta in Indien — so, wie ich sie bei meinem Lehrer James Swartz kennengelernt habe.

Alle Lebewesen sind bewusst. Aber was bedeutet es, bewusst zu sein? Was ist eigentlich Bewusstsein?

Die vielen Namen des Bewusstseins

Für Bewusstsein gibt es viele Namen. Um nur ein paar zu nennen:

  • das Selbst (nicht zu verwechseln mit dem „höheren Selbst“)
  • die Existenz
  • das Unveränderliche
  • das Absolute
  • das Gewahrsein
  • oder eben: der innere Beobachter.

Das Bewusstsein begleitet uns in jeder einzelnen Erfahrung — und gerade deswegen übersehen wir es so leicht. Es ist ähnlich wie mit der Schwerkraft: Sie hält uns ständig am Boden, und weil sie immer da ist, bemerken wir sie kaum.

Werde dir jetzt bewusst, dass du bewusst bist. Spüre, fühle, genieße.

Das ist die ganze Übung. Sie dauert einen Moment und lässt sich überall wiederholen.

Unsere Sinneswahrnehmungen formen den Geist

Lass uns langsam den Unterschied zwischen Geist und Bewusstsein anschauen.

Unser Körper nimmt mit den Sinnesorganen — Augen, Ohren, Nase, Zunge, Haut — die Welt in ihren Farben, Geräuschen, Gerüchen, Geschmäckern und Empfindungen wahr.

Advaita beschreibt es so: Der Geist nimmt die Form dessen an, was die Sinne empfangen. Wenn du in der Ferne auf einen Berg blickst, siehst du einen Berg. Aber bemerkst du, dass dein Geist dabei die Form des Berges angenommen hat, damit du ihn sehen kannst?

Wer das nachvollzieht, für den wird auch verständlich, warum die Lehre sagt: Zwischen dir und der Welt gibt es keinen Abstand.

Das Bewusstsein beobachtet unseren Geist

Du kannst dir das Bewusstsein wie ein unendliches, unbegrenztes Feld vorstellen.

Dieses Feld scheint wie ein Licht auf die Erfahrung in deinem Geist. Das Licht wird zurückgeworfen, und du — als Bewusstsein — kannst es wahrnehmen.

Schema aus dem Advaita Vedanta: der Geist mit Intellekt, Gemüt und kleinem Ich, davon unterschieden das Selbst.Ein Schema aus dem Advaita Vedanta: der Geist (Intellekt, Gemüt, kleines Ich) und davon unterschieden das Selbst.

Bewusstsein ist unveränderlich

Advaita sagt: Bewusstsein wird durch keine Erfahrung verändert.

Das bedeutet: Dein Bewusstsein als Kind, jetzt und im hohen Alter ist genau dasselbe. Körper und Geist ändern sich — der innere Beobachter bleibt dein Fixpunkt.

Für mich ist dieser Gedanke einer der hilfreichsten dieser Lehre, wenn es um inneren Frieden geht. Ob er für dich trägt, kannst nur du bemerken.

Unsere wahre Identität umfasst das Unveränderliche

Meist identifizieren wir uns mit unserem Körper, unseren Emotionen und unseren Gedanken. Das Ich besitzt, hat, will haben oder will nicht haben. Wir sagen: „Ich habe dieses und jenes Problem. Ich bin so, wie ich bin, wegen meiner Vergangenheit.“

Aus Gedanken dieser Art entsteht viel Leid.

Sobald wir das unveränderliche Bewusstsein in uns entdecken, erweitert sich unsere Identität. Wir können bemerken, dass sich das Wesentliche in uns nicht verändert.

In der Sprache der Tradition wird der Geist mit dieser Selbsterkenntnis stabil und ruhig — und genau das gilt dort als das eigentliche „Ziel“ der spirituellen Praxis.

Bewusstsein ist unbegrenzt und frei von Bewertung

Bewusstsein ist frei von Wertung. Es hat keine Eigenschaften. Ihm lässt sich nichts zuschreiben, denn es ist das Subjekt in uns, das niemals ein Objekt sein kann.

Jede Bewertung findet im Geist statt — und ist damit veränderlich.

Bewusstsein ist ganz und vollständig

Weil Bewusstsein frei von bewertbaren Eigenschaften ist, folgert Advaita: Es ist immer ganz und vollständig.

Wenn du dich manchmal unvollständig fühlst, bietet die Lehre dafür eine Lesart an: Das Gefühl gehört zum Geist, nicht zum Bewusstsein. Aus dieser Sicht bist du vollständig — egal wer oder was du bist oder tust. Ob dich diese Lesart entlastet, darfst du selbst prüfen.

Bewusstsein ist nicht-dual

Bewusstsein ist nicht-dual (advaita). Das bedeutet: Zu Bewusstsein gibt es kein Gegenteil. Advaita Vedanta sagt, dass alles Bewusstsein ist.

Wohin du auch blickst, was du auch fühlst — nach dieser Lehre ist Bewusstsein darin zu finden. Es ist allgegenwärtig und durchdringt alles.

Das heißt auch: Alles, was du beobachtest, ist ebenfalls Bewusstsein. Es ist der menschliche Geist, der alles in Teile gliedert — Körper, Geist, Mitmenschen, Umgebung.

Wer Bewusstsein in sich erkennt, kann es auch in allen anderen Lebewesen sehen. Bei mir ist daraus über die Jahre weniger Rivalität und mehr Verbundenheit mit dem Leben geworden. Das ist meine Erfahrung, keine Zusage.

Wie entstehen dann Handlungen? Wer handelt und denkt in uns?

Körper und Geist handeln. Aus einem Gedanken, meist zusammen mit der Energie einer Emotion, entsteht eine Handlung.

Bewusstsein handelt nicht, und keine Handlung kann es verändern. Es gewinnt nichts aus dem Ergebnis einer Handlung und kann auch nichts verlieren.

Aus Sicht des Bewusstseins handelt in uns die Natur — der Geist lebt, wie Advaita sagt, sein Karma aus. Das hebt nichts auf: Als Person bleibst du für das verantwortlich, was du tust.

Gibt es freien Willen?

Advaita antwortet zweistufig: Als Person hast du mehr oder weniger freien Willen. Als Bewusstsein hast du gar keinen Willen — denn Bewusstsein will nichts, es beobachtet.

Hat Bewusstsein Emotionen?

Nein. Emotion bedeutet Energie in Bewegung. Es ist der Geist, der die Form unserer Emotionen annimmt und mit ihnen den Körper beeinflusst.

Bewusstsein beobachtet die Emotionen.

Selbstwissen: der Weg des Wissens

Was du hier gelesen hast, nennt die Tradition Selbstwissen. Es zu verstehen und im Alltag anzuwenden, ist im Vedanta der Weg des Wissens — einer von mehreren Wegen, und der, der mir am meisten entspricht.

Wenn du mehr über Bewusstsein und Advaita Vedanta erfahren möchtest, findest du meinen Lehrer James Swartz auf shiningworld.com.

Ich wünsche dir viel Freude beim Erforschen deines Bewusstseins.