Mit wem kämpfe ich eigentlich?
Jemand erzählt von einem Erfolg. Wir hören zu, und irgendwo in uns beginnt ein Vergleich. Wo stehe ich? Werde ich auch gesehen? Bin ich genug?
Manchmal freuen wir uns mit und fühlen zugleich einen kleinen Stich. Beides kann im selben Moment da sein.
Rivalität beginnt oft ganz unscheinbar. Ein Gespräch wird zum Wettstreit. Wir wollen recht behalten, mehr wissen, besser sein. Und während wir noch miteinander sprechen, beschäftigen wir uns schon damit, wie wir dastehen.
Angeregt hat mich zu diesem Text ein Vortrag des buddhistischen Lehrers Lama Dondrup Dorje, Heart Sutra Demonstration. Er beschreibt, wie viel von dem, was wir tun, aus Rivalität entsteht — nicht nur zwischen Menschen, die einander nicht mögen, sondern auch in Partnerschaften und unter Geschwistern.
Rivalität dort, wo wir uns nah sind
Auch unter Freunden kann es Rivalität geben. Wer bekommt mehr Aufmerksamkeit? Wer ist wem näher? Wir freuen uns über die Freundschaft und möchten zugleich sicher sein, dass wir wichtig sind.
In einer Familie achten Geschwister vielleicht genau darauf, wer mehr Anerkennung bekommt. Zwischen Eltern und erwachsenen Kindern kann aus einem gut gemeinten Rat ein Ringen darum werden, wer es besser weiß. In einer Partnerschaft beginnen wir womöglich aufzurechnen: Wer gibt mehr? Wessen Bedürfnisse haben Platz?
Gerade wo uns eine Beziehung viel bedeutet, kann es schmerzen, sich übergangen zu fühlen. Hinter dem Gegeneinander liegt dann vielleicht ein einfacher Wunsch: gesehen zu werden, dazuzugehören, mitentscheiden zu dürfen.
Wenn aus einem Menschen ein Gegner wird
Wo wir miteinander rivalisieren, kann der Blick eng werden. Wir sehen vor allem, was der andere hat, kann oder bekommt. Seine Unsicherheit, seine Mühe, seine Freude geraten aus dem Blick.
Hinter unserem Vergleichen steckt vielleicht auch die Sorge, zu kurz zu kommen. Was ist mir hier so wichtig? Was befürchte ich zu verlieren?
Wenn wir das bemerken, können wir unseren Wunsch ernst nehmen und aussprechen. Wir können um Raum bitten, eine Grenze setzen oder sagen, was uns fehlt. So wird eine Begegnung möglich, in der beide Platz haben.
Das Bild vom anderen in mir
Wenn ich an einen Menschen denke, trage ich ein Bild von ihm in mir. Ich erinnere mich an seine Worte, stelle mir vor, was er denkt, und fühle etwas dabei. Manchmal reicht dieses Bild, und ein alter Streit geht in mir weiter.
Der Mensch ist gerade gar nicht da. Trotzdem antworte ich ihm, rechtfertige mich oder ärgere mich über das, was er vermutlich sagen würde. Das Gegenüber in diesem inneren Gespräch entsteht aus meiner Erinnerung und Vorstellung.
Auch wenn er vor mir steht, begegnen mir seine Stimme und sein Blick in meiner Wahrnehmung. Die Bedeutung, die ich darin höre, und das Gefühl, das dabei entsteht, erlebe ich in mir. So sind Außen und Innen in meinem Erleben eng verbunden.
Vielleicht bemerke ich dann: Gerade kämpfe ich mit meinem Bild dieses Menschen. Mit dem, was ich von ihm erwarte. Mit dem, was seine Worte für mich bedeuten.
Was zwischen uns geschehen ist, gehört zu unserer Beziehung. Zugleich lohnt es sich, wahrzunehmen, wie ich diese Beziehung in mir weitertrage. Mein Bild enthält Erfahrungen mit diesem Menschen. Es umfasst ihn nie ganz. Er bleibt jemand mit einer eigenen Geschichte, die ich nur teilweise kenne.
Kann dieses Bild wieder etwas offener werden? Darf der andere mich überraschen? Ich kann nachfragen, zuhören und mein Bild verändern.
Was verteidige ich gerade?
Auch von mir selbst habe ich ein Bild. Vielleicht sehe ich mich als verständnisvoll. Dann sagt jemand: „Du hörst mir überhaupt nicht zu.“ Und schon möchte ich beweisen, wie gut ich doch zuhöre.
Der Satz berührt dann auch meine Vorstellung davon, wer ich bin. Während ich mich verteidige, wird es schwer, noch zu hören, was dem anderen fehlt.
Manchmal verteilen wir feste Rollen: Ich bin achtsam, du bist rücksichtslos. Ich bin vernünftig, du bist schwierig. Aus unserer Verschiedenheit wird eine Rangordnung. Wir begegnen einander durch diese Zuschreibungen und finden immer wieder etwas, das sie bestätigt.
Wenn ich mich angegriffen fühle, bemerke ich das vielleicht zuerst im Körper: Der Atem wird flacher, die Stimme schneller, die Schultern ziehen sich hoch. Dann kann ich einen Moment innehalten und hinschauen: Was wurde tatsächlich gesagt oder getan? Welche Bedeutung gebe ich dem? Und welches Bild von mir möchte ich gerade schützen?
Das kann helfen, eine Antwort zu finden. Vielleicht braucht es eine klare Grenze. Vielleicht eine Nachfrage. Vielleicht kann ich etwas hören, das ich zuerst abwehren wollte.
Das Gegeneinander in uns
Rivalität gibt es nicht nur zwischen Menschen, sondern auch in uns. Ein Teil möchte weiterkommen, ein anderer ist müde. Wir wünschen uns Nähe und brauchen zugleich Abstand. Wir möchten mutig sein und ärgern uns über unsere Angst.
Dann beginnen wir vielleicht, eine Seite von uns abzuwerten. Die Müdigkeit stört. Die Angst soll verschwinden. Wir haben eine Vorstellung davon, wie wir sein sollten, und kämpfen gegen das, was wir gerade fühlen.
Manchmal richtet sich dieser Kampf auch gegen den eigenen Körper. Wenn wir krank sind, möchten wir vielleicht einen Teil von uns am liebsten weghaben: den Schmerz, die Schwäche, das, was gerade nicht mitmacht. Dann wird der Körper zum Gegner.
Wir können uns um Beschwerden kümmern und sie, wenn nötig, abklären lassen, ohne dem eigenen Körper dabei feindlich zu begegnen.
Sogar der Wunsch nach Frieden kann so zu einer Forderung werden: Jetzt müsste ich doch endlich ruhig sein.
Wie wäre es, beiden Seiten erst einmal zuzuhören? Dem Wunsch, etwas zu schaffen, und dem Bedürfnis nach Ruhe. Wir müssen nicht jeden Impuls ausleben. Aber wir können ihn wahrnehmen, bevor wir entscheiden, wie wir handeln.
Auch das Üben kann zum Wettstreit werden
Lama Dondrup Dorje spricht in seinem Vortrag auch darüber, wie Rivalität unser Üben prägen kann: Wir möchten besser sein, mehr können, weiter sein als jemand anderes. Damit tragen wir das Vergleichen in eine Praxis hinein, in der wir Frieden suchen. Mehr Übung und mehr Form helfen dann nicht weiter, sagt er. Die klassische Lehre erinnert deshalb an Demut.
Das lässt sich auch im Kleinen erkunden. Bin ich enttäuscht, weil jemand ruhiger wirkt als ich? Wird eine gemeinsame Übung für mich zu einer Gelegenheit, meine Stärke zu beweisen? Kann ich bemerken, was gerade geschieht, ohne daraus ein Urteil über meinen Wert zu machen?
Ein weiterer Gedanke seines Vortrags ist Aufrichtigkeit: dass das, was wir innerlich meinen, zu unseren Worten und unserem Handeln passt. Im Alltag fällt das leicht auseinander. Wir sagen zu, obwohl wir eine Pause brauchen. Wir sprechen freundlich, verpacken darin aber eine Spitze. Auch so entsteht ein Gegeneinander in uns.
Es wahrzunehmen eröffnet die Möglichkeit, ehrlicher zu werden. Vielleicht sagen wir: Ich bin noch verärgert und brauche etwas Zeit. Dann müssen wir keinen Frieden vorspielen, den wir gerade nicht fühlen.
Durch den Vortrag zieht sich die Einladung, dem Gegenüber in Verbundenheit zu begegnen. Für eine Begegnung im Alltag ergibt sich daraus eine Frage: Kann ich für mein Anliegen eintreten und dabei das Wohlergehen des anderen mit im Blick behalten?
Einen Moment wahrnehmen
Wenn du magst, erinnere dich an eine kleine Alltagssituation, in der du dich mit jemandem verglichen oder dich verteidigt hast.
Fühle, wie du gerade hier bist. Bemerkst du etwas im Körper? Welche Gedanken tauchen auf? Welches Bild vom anderen ist gerade da, welches von dir selbst?
Vielleicht kannst du unterscheiden, woran du dich konkret erinnerst und was du vermutest oder erwartest. Vielleicht lässt sich auch ein Wunsch erkennen, der in dieser Situation wenig Platz hatte.
Du kannst dich fragen: Was brauche ich gerade? Und wie könnte ich dafür sorgen, ohne jemanden kleiner zu machen — mich selbst eingeschlossen?
Eine Antwort darf Zeit brauchen.
Ein Schritt zum Frieden
Aus der Rivalität herauszufinden kann damit beginnen, dass wir das Gegeneinander bemerken und ihm weniger folgen. Wir hören einen Satz zu Ende. Wir sprechen einen Wunsch aus. Wir prüfen eine Vermutung, statt sie für Gewissheit zu halten. Wir erlauben uns eine Pause, obwohl wir gern schon weiter wären.
Unterschiede und Konflikte brauchen weiterhin Aufmerksamkeit. Auch Abstand kann notwendig sein. Verbundenheit lässt Raum für ein klares Nein.
Bei mir ist über die Jahre weniger Rivalität und mehr Verbundenheit mit dem Leben geworden. Das ist meine Erfahrung, keine Zusage. Woraus das bei mir gewachsen ist, beschreibe ich in Unser innerer Beobachter.
Wo unsere Bilder voneinander offener werden, kann wieder Interesse entstehen: Wie geht es dir? Was bewegt mich? Was ist zwischen uns möglich?
Vielleicht beginnt Frieden in einem solchen Moment. Wenn wir uns selbst und dem anderen wieder mit etwas mehr Freundlichkeit begegnen.

